3 June 2009: article in "Kölner Stadtanzeiger"

Waldläufer, Feen und Plastikberge
Von Jürgen Kisters
Staunen und entdecken: Viele Kölner Bürger nutzten das Wochenende für eine Runde durch den Skulpturenpark. (Bild: Kisters)
MÜLHEIM Menschen am Sonntag: „Wir kommen jedes Jahr. Denn wo kann man sonst so viel Kunst unter freiem Himmel sehen“, sagt die Mutter, die mit ihren zwei Kindern Pfingstsonntag von Dünnwald zur Eröffnung der neuen Ausstellung „Rheinblicke-Einblicke“ in den Stammheimer Schlosspark gekommen ist. Ein Rentnerehepaar, das gleich um die Ecke wohnt, bemerkt, dass sie „wegen der Musik- und Literaturveranstaltungen in den Park gekommen sind“, in dem sie auch sonst mindestens einmal in der Woche spazierengehen. Und zwei Freundinnen betonen, dass sie sich die Gelegenheit der kompetenten Kunstführungen nicht entgehen lassen wollten, mit denen die Veranstalter der „Initiative Kultur Raum Rechtsrhein“ in jedem Jahr durch die Freiluftausstellung leiten. So war die Eröffnung der neuen Ausgabe des Stammheimer Skulpturenparks auch in diesem Jahr wieder eines dieser seltenen Ereignisse, bei denen es gelingt, Kunstpräsentation und Volksfest miteinander zu verbinden. Rund 10 000 Besucher machten sich an den beiden Pfingsttagen in die Grünanlage auf, in dem einige von Kölns ältesten Bäumen stehen.
Wo einst der Stammheimer Schlossherr für Prunk und eine kultivierte Gartengestaltung sorgte, setzen seit nunmehr neun Jahren mehrere Dutzend Künstler den entscheidenden ästhetischen Tupfer in diese Umgebung aus freiem Wuchs und geordneter Naturgestaltung. Wenn die Spaziergänger in einer üppigen Baumkrone auf die fragile plastische Drahtzeichnung blicken, ist das, als hätten sie eine neue geheimnisvolle Spezies von Lebewesen entdeckt. Irritiert schütteln sie ihren Kopf, wenn ihr Blick auf die völlig verformten Sitzbänke von Andreas Schulz fällt. Objekte wie das Feenkleid, das Patrizia Marchese zwischen Ästen schweben lässt, regen zum Träumen an. Skulpturen wie Philip Drebers sanft geschwungene Stahlform, berühren zahlreiche Geheimnisse dort, wo Fremdes und sehr Vertrautes aufeinander treffen.
Traditionell wurden zur Eröffnung von einer Fachjury wieder drei Geldpreise unter den zwölf neu am Skulpturenpark beteiligten Künstlern verliehen. 2000 Euro erhielt Sandy Craus für das „Bett aus Moos“, mit dem an Robin Hood und andere historische Waldläufer erinnert, die auf weichem Waldboden ihren Schlaf und ihre Freiheit fanden. 1000 Euro gingen an Monika Simon für eine witzig-hintergründige Schiffsskulptur, 500 Euro an den Künstler Aljoscha für eine Plastik aus Spritzaluminium.
Als eine weitere Maßnahme der kleinen finanziellen Künstlerförderung fand der WOW-Markt statt, auf dem die teilnehmenden Künstler kleinformatige Kunstwerke zum Verkauf anboten. „Schließlich setzen einige Künstler neben ihrem Idealismus auch Geld ein, um ihre Werke für den Skulpturenpark realisieren zu können“, erklärt Hans Metzmacher von der Initiative KRR. Als besondere Neuheit haben er und seine acht Organisatoren-Mitstreiter auf Anregung der britischen Künstlerin Elizabeth Ogilvie in diesem Jahr das Projekt „Art Geo Köln“ geschaffen. In einem Bereich des Parks, der zum ersten Mal in die Ausstellung einbezogen wurde, konzipierten sieben internationale Künstler ihre Werke in einer siebentägigen Arbeitsphase - direkt vor Ort.
So hat Takaya Fujii Stücke vom Laub zahlreicher Bäume in große Plastiktüten „eingesperrt“ und das Ganze mit dem Titel „Wir Menschen und unser Stern“ versehen. Florian Kluge und Daniel Lohmann haben mit ihren „Konjunkturpaketen“ Tanzabfälle aus der Autoproduktion um einen Baum platziert und ästhetisch und politischen Momente eindrucksvoll miteinander verknüpft. Kaneyuki Shimooskao hat mehrere hundert Meter weißer Kordel zu poetischen Skulpturen verspannt, die einen Parkspaziergang auf den Pfad einer Märchenreise führen. Jane Watt hat mit einem Iglu aus Plastik-Wasserflaschen eine seltsame Künstlichkeit in die Parkromantik hineingesetzt. Sie liefert damit Stoff zum Nachdenken und den Nachweis, dass die Kunst den Schlosspark nicht nur verschönern, sondern auch kontroverse Anstöße geben soll.
Schlosspark Stammheim, Stammheimer Hauptstraße, ganztägig ganzjährig geöffnet.